Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Die Versteinerung des Ausnahmezustands

Heinrich Wefing, 1998

 

„Lange vor seinem Abriss ist der Palast der Republik aus dem Bewusstsein Berlins verschwunden. Seit acht Jahren steht die bronzierte Glasvitrine nun schon geschlossen am Schlossplatz herum, und niemand schenkt ihr mehr Beachtung. Obwohl "Erichs Lampenladen" vor aller Augen verstaubt, ist er zum blinden Fleck im Stadtbild, auf unübersehbare Weise unsichtbar geworden, dem Vergessen durch Nichtgebrauch anheim gefallen. Niemand benötigt nach dem Mauerfall noch das Haus, kein Politiker interessiert sich mehr als pflichtgemäß für den Platz davor, nicht einmal die üblicherweise verdächtigen Investoren drängeln sich mit Nutzungskonzepten, um aus der Brache Profit zu schlagen. Allzu viele andere, historisch weniger belastete Leerstellen gibt es in der Mitte Berlins. So hält sich die Empörung über das Vorhaben, das nach der Asbestsanierung übrig bleibende Betonskelett nicht zu reanimieren, in überschaubaren Grenzen. Etwas anderes hat man nicht erwartet. Längst schon pfiffen es die Vögel von den marmorierten Palastdächern, dass die Tage des Hauses gezählt seien, in dem das Staatsvolk der DDR einst an der Mokkabar lehnte. Nicht einmal das "Neue Deutschland" mochte so recht tränenreich um den spätsozialistischen Beton trauern, mit dessen Abriss auch eine ehrwürdige Traditionslinie arbeiterbewegter Volkshäuser unter die Räder der Planierraupen gerät.

Das verbreitete Desinteresse, das beinahe hörbare Schweigen angesichts der Exekutionsbeschlüsse erwächst aber nicht nur aus dem verbreiteten Wissen um das baldige Dahinscheiden. Der Palast der Republik liegt - wie die historische Berliner Mitte insgesamt - gleichsam in einem Niemandsland der Einheit. Das Areal zwischen Brandenburger Tor und Spreeinsel ist beileibe noch nicht Westen, aber auch nicht mehr Osten. Der beginnt erst am Alexanderplatz.

In einer längst noch nicht exakt kartografierbaren Topographie erneuerten Lokalpatriotismus' gerät das Zentrum zwischen die Fronten. Der Bewohner von Weißensee oder Pankow hat es, und mit ihm den Palast der Republik, aus seinem Herzen entlassen, weil dort schon zu viele Banken und West-Institutionen in neuen Häusern oder aufpolierten Altbauten residieren. Der Steglitzer und Zehlendorfer hingegen betritt den ehemals ummauerten Stadtkern noch immer mit dem Unbehagen dessen, der sich in der Fremde wähnt und ein wenig fürchtet.“

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Heinrich Wefing: Versteinerung des Ausnahmezustandes. In: Baumeister 12/98, S. 20

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