Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Grundsätzliches zu Zerstörung und Wiederaufbau

Hanno-Walter Kruft, 1993

 

„Wann ist ein Gebäude eigentlich "zerstört"? Wenn es nicht mehr funktionsfähig ist? Wenn seine physische Substanz ganz oder teilweise (wie viel Prozent?) verloren ist? Oder erst, wenn es völlig von seinem Standort verschwunden und möglicherweise durch ein anderes Gebäude ersetzt ist? Uns interessieren natürlich nur solche Gebäude, die als historische Denkmale gelten. Die Frage nach dem Grad der Zerstörung ist erheblich und wird sich nicht über eine prozentuale Faustregel beantworten lassen.

Eine andere Qualität besitzt die Frage nach dem Grund der Zerstörung. Diese kann reinen Zufälligkeitscharakter haben oder die Bedeutung eines historischen Strafvollzugs besitzen, um zwei extreme Möglichkeiten zu bezeichnen. (...)

(Das) soll vor allem zeigen, dass man den Grund einer Zerstörung kennen muss, wenn man einen Wiederaufbau als Rekonstruktion in Erwägung zieht. Eine Rekonstruktion ist nicht primär ein urbanistisches, ästhetisches, technisches oder finanzielles Problem, sondern ein historisch-moralisches.

Das bedeutet, dass es eine prinzipielle Antwort auf die Frage "Rekonstruktion: ja oder nein?" nicht geben kann. Die Kategorien der Denkmalpflege betreffen die Rekonstruierbarkeit, doch diese ist keine Legitimation für den Vollzug einer Rekonstruktion.

(...)

Zerstörung ist der historische Extremfall eines zeitlichen Verschleißes, dem jedes Monument unterworfen ist. Zerstörung ist Mord im Sinne eines vorzeitigen Todes, der unter natürlichen Alterungsbedingungen wesentlich später eingetreten wäre. Tote, auch Ermordete, lassen sich bekanntlich nicht zum Leben erwecken.

(...)

Die Einwirkung der Zeit auf ein Monument wird in jedem Fall zu seinem Bestandteil. Die Entstehung eines Monuments ist zeitgebunden. Spätere Zeiten können verändernd, konservierend, vernachlässigend oder zerstörend mit Monumenten umgehen. Es wäre eine anachronistische Forderung zu verlangen, dass Monumente grundsätzlich zu pflegen seien. Zerstörung kann im Sinne einer damnatio memoriae oder eines Racheaktes eine Demonstration der Befreiung sein. Wie viele königliche Monumente - von hohem ästhetischen Wert - wurden während der Französischen Revolution zerstört! Wie viele Monumente der alten DDR - von weniger hohem ästhetischen Wert - wurden jüngst demontiert und verschwanden in Magazinen, um vielleicht in historischen Museen wieder aufzutauchen! Der Palast der Republik in Berlin soll ja nicht nur aus urbanistischen, ästhetischen und Asbest-Gründen abgerissen werden, sondern auch, um ein Stück sichtbare Erinnerung an eine ungeliebte Geschichte zu tilgen. In einer anderen Optik wird der gleiche Vorgang als Identitätsverlust deklariert. Die Sprengung der Tribüne auf dem Nürnberger Zeppelinfeld nach 1945 - als Strafaktion der Amerikaner - zielte in die gleiche Richtung. Zerstörung kann ein eminent historischer Vorgang sein.

Wenn man sich entscheidet, ein Gebäude, das nicht zufällig, sondern aus einer bewussten Entscheidung zerstört worden ist, zu rekonstruieren, bedeutet dies den Versuch eines Eingriffs in die Geschichte, d. h. einer Revision.

Unabhängig von der Frage nach der "Gerechtigkeit" der Zerstörung haftet einer solchen Entscheidung der Charakter der Manipulation und Unredlichkeit an. Historische Ereignisse, d. h. auch bewusste Zerstörungen sind irreversibel. Um Tote kann man trauern und man kann sie beerdigen. Rekonstruktionen sind historische Nostalgien von Menschen, die mit ihrer Geschichte nicht fertig werden und sich den Schein einer anders verlaufenen Geschichte vor Augen führen wollen. Rekonstruktionen sind ein Symptom für das Phänomen, das Alexander und Margarete Mitscherlich bereits 1967 als" Die Unfähigkeit zu trauern" beschrieben haben.

(...) Doch in Wirklichkeit wird es Fälle geben, in denen eine Rekonstruktion unter übergreifenden Gesichtspunkten das geringste Übel ist.

Wenn ein Monument als einzelnes mitsamt seiner historischen Umgebung durch Zerstörung ausgelöscht ist, wird eine - wenn auch technisch mögliche - Rekonstruktion zur Geschichtsattrappe. Eine solche kann, um die Stellungnahme der Denkmalpfleger aufzugreifen, als "Handeln der Gegenwart" unter kollektivem Druck erforderlich werden, wenn ein mehrheitlicher Wille zur Geschichtsverdrängung besteht. Positiv werden solche Rekonstruktionen dann als Symbole der Identitätssicherung interpretiert. Die Bewertung dieses Vorganges ist eine moralische und eine Frage des Umgangs mit der Geschichte. Das bekannteste Beispiel ist der beschlossene Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Historisch und denkmalpflegerisch ist dieser Wiederaufbau nicht zu rechtfertigen, Als politische Entscheidung wird er verständlich, doch müssen sich die Entscheidungsträger - dies gilt auch für eine kollektive Mehrheit - sagen lassen, dass ihr Umgang mit der Geschichte unehrlich ist. Solche Entscheidungen sind Ausdruck der Restauration und spiegeln einen orientierungslosen, historisch retrospektiven gesellschaftlichen Zustand. Man kann solche Tendenzen nicht aufhalten, allenfalls bewusst machen.

(...) Man kann die kollektiven Verdrängungsmechanismen bedauern, ihre willentliche Unterstützung durch eine Instrumentalisierung wissenschaftlicher Argumentation liegt außerhalb jeder Anstandsgrenze und markiert lediglich den Standort derer, die sich dafür hergeben. Falls sie an ihre eigenen Argumente glauben, wäre das schlimm.

(Aber es zeigt sich), wie allmählich das Bewusstsein der Zerstörungen schwindet und sich die Grenze zwischen originalen und rekonstruierten Bauteilen verwischt. (...) Die Rekonstruktion wird im Bewusstsein durch den Faktor Zeit immer mehr zum Original. Die Zerstörung, wenn man überhaupt davon weiß, wird zum historischen Unfall. Die Handvoll Wissenschaftler und Kenner, die sich über Fehler und Unzulänglichkeiten der Rekonstruktion aufregen, lässt sich ignorieren...

(...)

Der eigentlich kritische Fall tritt ein, wenn ein Monument weitgehend oder ganz zerstört ist. Man kann natürlich nicht in allen Fällen die Ruinen als solche konservieren und als historische Mahnmale behandeln. Dies ist nur bei Monumenten mit einem hohen Identifikationspotential möglich - wie etwa bei der Frauenkirche in Dresden, deren mahnende Qualität den Dresdnern lästig geworden ist und die deshalb durch eine Rekonstruktion ersetzt wird.

(...)

Sehr viel delikater sind jene berühmten Beispiele, bei denen Bauten beschädigt oder weitgehend zerstört und die in einem zweiten Schritt als historische Racheakte völlig beseitigt wurden. Der bekannteste Fall ist das Stadtschloss in Berlin, das in erheblichen architektonischen Teilen den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte und erst 1950 gesprengt wurde. Die Sprengung sollte als sichtbarer Akt das Ende des preußischen Militarismus signalisieren. (...) Aus ähnlichen Gründen wurde das Potsdamer Stadtschloss abgerissen. Schinkels Bauakademie, die durchaus zu retten gewesen wäre, musste dem Außenministerium der DDR weichen.

Diese Zerstörungen waren als bewusste historische Zäsuren gemeint, als Abrechnungen mit der Geschichte, symbolisiert in ihren Monumenten. Wenn die Kriegszerstörungen noch reparabel gewesen wären, so ist der zweite, bewusste Schritt einer völligen Tilgung irreversibel. Diese Vorgänge sind historische Racheakte wie die Schleifung der Bastille und die Zerstörung der Königsdenkmäler bei der Französischen Revolution. Man kann diese Handlungen verwerflich und barbarisch finden und die Verluste beklagen, aber man darf sie nicht rückgängig machen wollen, auch wenn man es technisch könnte. Wenn man es dennoch will oder tut, so dokumentiert man seine Entschlossenheit und Geschichtsmanipulation und begibt sich auf die gleiche Ebene wie die Barbaren, deren Schandtaten man kompensieren will.

(...)

Der Wunsch nach einer Erinnerung an die Geschichte ist dennoch verständlich. Die Frage ist jedoch, wie sich diese Erinnerung - nicht nur durch eine Ruine als Mahnmal - erreichen lässt, ohne zum Mittel der Rekonstruktion zu greifen. Rekonstruktionen spiegeln eine neohistoristische Haltung, die der Mentalität der "Post-Moderne" entspricht.

Das Berliner Stadtschloss befand sich im urbanistischen Kontext an einer GelenksteIle Berlins. (...) Eine Rekonstruktion des Schlosses wäre in jedem Fall eine zu vordergründige Lösung. Die Planungsrichtung könnte dahin gehen, an der Stelle des Schlosses einen modernen Bau zu errichten, der die Proportionen seines Vorgängers aufgreift und vielleicht sogar in der Formensprache auf ihn anspielt, ohne ihn zu kopieren. Der Bau würde zum Träger einer historischen Erinnerung. Es könnte eine glaubhafte Kontinuität entstehen. Geschichte würde "durchsichtig", ohne revisionistisch zu sein. Die Funktion des neuen Gebäudes hätte einem gewandelten Staatsverständnis Rechnung zu tragen.

Dass die öffentliche Diskussion über die Rekonstruktion von Baudenkmälern in Deutschland ihren entscheidenden Auftrieb durch die Wiedervereinigung erhielt, unterstreicht, dass es sich um primär politische Entscheidungen handelt. Es wäre mehr als fatal, wenn das vereinigte Deutschland derartige Rekonstruktionen als Identitätssymbole nötig hätte, die nichts als ein versuchter Blick zurück wären. Der Historiker, Denkmalpfleger und Architekt sollte dazu die Hand nicht reichen. Da sie jedoch Menschen und d. h. korrumpierbar sind, werden sie auf Bestellung oder aus gutem Glauben jede gewünschte Rekonstruktion begründen und liefern. Die Zukunft wird mit ihnen leben. Den Mut und Charakter, Rekonstruktionen wegen ihrer Unredlichkeit zu zerstören, wird es niemals geben. Außerdem würde sich wieder jemand finden, der zerstörte Rekonstruktionen rekonstruiert.

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Hanno-Walter Kruft: Rekonstruktion als Restauration? In: Der Architekt 9/93, S. 522 ff

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