Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zum Abriss des Palasts der Republik aus "Ostperspektive"

Friedrich Diekmann, 1992

 

„Anfang des Jahres 1989 habe ich die von diesen und einigen anderen Bauwerken gebildeten Staatsräume einmal als Staatsträume zu deuten versucht; die Passage, die den Architekturfortschritt von Ulbricht zu Honecker psychoanalytisch interpretierte, lief an der Wachsamkeit der Instanzen auf. Solche Hürden stehen heute nicht mehr zu befürchten. Aber es gibt andere Denkbarrieren. Es fällt auf, dass jene, die über die Zukunft des Gebäudes in öffentlicher Rede befinden, Menschen, Bürger, wir können nun sagen: Mitbürger sind, die das Haus weder bezahlt noch benutzt haben. Darin unterscheiden sie sich wesentlich von den Bewohnern jener Zonen, die mit dem Wort ehemalig apostrophiert werden, als müsse man sich des Präteritums fortgesetzt versichern: den Bewohnern Ost-Berlins und der übrigen DDR. Die haben schwer geblecht für den ausladenden Bau, der zur Zeit seiner Aufrichtung mit Recht »Ballast der Republik« hieß; ein jeder, vom Säugling bis zum Greis, hat damals im Mittel weit über hundert Ostmark für ihn aufbringen müssen. Sie haben sich schadlos gehalten, indem sie das Haus, das sich, als es fertig war, als ein offenes Haus zeigte, weidlich genutzt haben: seine vielen guten und billigen Restaurants, den großen Konzert- und Veranstaltungssaal, das kleine Theater und nicht zuletzt das mit weißem sibirischen Marmor ausgeschlagene Foyer mit seiner nicht uninteressanten Bilderversammlung und dem vielfach nutzbaren Musikpodium.

»Ich bin entsetzt«, sagt mir eine sechzigjährige Postbotin, die, allein und mit ihren Kollegen, dort oft hingegangen war: »Ich bin entsetzt, dass das alles auf einmal Mist gewesen sein soll.« Der Satz verdient, genau gehört zu werden; er drückt das Empfinden aus, dass, indem man den Leuten einen Ort des Vergnügens nimmt, ihnen auch das vormals dort erlebte Vergnügen streitig gemacht wird. Gelebte Vergangenheit wird ihnen an einer als positiv, ja festlich empfundenen Stelle entzogen - an einem Ort, der, anders als das Lindenpalais der Regierung, anders als der milliardenteure Gewerkschaftspalast an der Jannowitzbrücke oder gar das ZK-Gebäude des Bauherrn Hjalmar Schacht, ein ihnen offen stehender Ort war, dessen sporadische politische Instrumentalisierung sie so kalt ließ wie abends im Fernsehen die» Aktuelle Kamera«.

Diejenigen, die jetzt über das Schicksal des Baus verfügen, haben eine völlig andere Perspektive auf ihn als die, welche mit ihm lebten, nachdem er von ihren Steuern bezahlt worden war. Dieser westliche Blickwinkel, der sich das Bauwerk als Erbmasse zueignet, um nach Belieben damit zu verfahren, ist ähnlich abstrakt wie die Perspektive, die die sowjetische Kontrollkommission und die SED-Führung 1950 gegenüber dem Hohenzollernschloss bekundeten. Es war die Perspektive des Siegers. Wir wissen, dass die sowjetische Besatzungsmacht Schinkels Neue Wache in der Nachkriegszeit vor dem Vandalismus der Honecker-FDJ gerettet hat. Den Schlossabriss hat sie, obschon sie auch nach der Gründung der DDR noch die wesentliche Macht in Händen hielt, nicht verhindert; hat sie ihn, im Jahr nach der Gründung der Bonner Republik, womöglich angeordnet?“

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Friedrich Diekmann: Staatsräume im Innern Berlins. In: Architektenkammer Berlin (Hrsg.): Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, S. 32

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