Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über den Abrissbeschluss

Christoph Diekmann, 2003

 

„Abriss. Es ist entschieden, durch alle Bundestagsfraktionen (die PDS hat ja keine). Ja, sie tun es wirklich titelte der Kurier, Ostberlins Bauch- und Bulettenpostille, und druckte Volkszorn. ,Die im Bundestag sind wohl bescheuert", erkannte Student Torsten Unse keineswegs allein. Laut Infas-Umfrage wünschten 98 Prozent der Ostberliner, den Palast der Republik zu erhalten.

Als Honeckers Staat vor dreißig Jahren seine Renommier-Vitrine baute, hatten die Regierten gemischte Gefühle. Spott und Regimeverachtung trafen Erichs Lampenladen, aber mit der Zeit mauserte sich der Palast zur beliebten Mitte Ost-Berlins. Erhalten ist ein Volksvermögen goldener Erinnerungen: Rendezvous an der gläsernen Blume im Palast-Foyer, Brigadereisen in den Bowling-Keller. In der Schinkelstube Ragout fin, unbekömmliche Riesenschinken in der Galerie der Sozialisten. Theater, Theodorakis, Santana, Mitch Ryder, Erich Fried - recht verschiedenes Ostvolk kam im Palast auf seine Kosten....

Es folgte dreifaches Verhängnis. 1990 wurde Asbest entdeckt und der Palast geschlossen. Dann erschien der Historiker Dr. Kohl und wünschte Abriss. Schließlich nahte sich der Hamburger Landmaschinenhändler und Hohenzollern-Freak Wilhelm von Boddien: Anstelle des Palastes möge neuerlich das Schloss erstehen, dessen gut erhaltene Ruine Walter Ulbricht 1950 hatte sprengen lassen. Ulbrichts Untat zielte auf Geschichtsvernichtung. Geschieht jetzt anderes? Der Wille zur Schloss-Kopie - ästhetisch infantil, ideologisch reaktionär - enteignet die Berliner Mitte als öffentlichen Raum. Niemand weiß zu sagen, was die Hohenzollernhülle einmal bergen wird. Am genialsten ist ja immer ein Hotel.

Die Taktik ging auf: Man ließ den Palast verrotten, bis er nur noch Schandfleck schien (dabei sind nach der Asbestbeseitigung Skelett, Bodenwanne und technische Basis intakt). Aber die Schloss-Fans dürfen noch nicht jubeln, mangels Geld. Vorerst entsteht, als Provisorium, eine Wald-und-Wiesen-Lunge im Herzen Berlins. Der Park-Architekt Christoph Ingenhoven aus Düsseldorf hofft bereits keck, sein gärtnerisches Werk möge von Dauer sein. Wir halten es mit Heinz Knobloch, dem großen, kürzlich verstorbenen Stadtflaneur: ,Berliner, misstraut euren Grünanlagen!'"

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Christoph Diekmann, in: DIE ZEIT 13.11.2003 Nr.47

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