Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über den Beschluss, große Teile der Schlossfassaden zu rekonstruieren

Bruno Flierl, 2002

 

„Die von der Bundesregierung und dem Berliner Senat im Dezember 2000 berufene Internationale Expertenkommission „Historische Mitte BerIin“ hatte die Aufgabe, Empfehlungen zur Neuaneignung des so genannten Schlossplatzareals in der Mitte der Spreeinsel auszuarbeiten. Sie beendete ihre Arbeit mit der Übergabe eines Abschlussberichtes an den Auftraggeber Bund und Land Berlin am 17. April 2002.

Entgegen der ursprünglich gedachten Reihenfolge, dass zunächst der Auftraggeber die Empfehlungen der Kommission auf ihre Realisierbarkeit prüft und daraus seine Beschlüsse zum Bauen ableitet, bevor die zur Lösung bestimmte Aufgabe in die Parlamente, in den Bundestag und in das Abgeordnetenhaus von Berlin zur Beratung und Abstimmung gelangt, ergriff der Bundestag - ermutigt durch seinen Präsidenten Wolfgang Thierse - schon vorab die Initiative, sich zur Sache zu äußern und damit sowohl der Bundesregierung als auch dem Berliner Senat Vorgaben zu machen. Er tat das in hohem Maße selektiv, indem er sich in erster Linie auf die Probleme der architektonischen Gestaltung orientierte, dafür aber die Probleme der Nutzung und Finanzierung weitgehend beiseite ließ. Im Grunde ging es vor allem darum, den von Vertretern der Bundesregierung und des Berliner Senats in Aussicht genommenen ReaIisierungswettbewerb für einen Neubau in der geometrischen Gestalt des ehemaligen Schlosses mit varianten Fassadenvorschlägen auf die von der Expertenkommission empfohlene alleinige Lösung mit barocken Fassaden zurückzuführen und den Abriss des Palastes der Republik zu sichern. Das gelang dem Bundestag auf seiner Tagung am 4. Juli 2002 mit großer Mehrheit.

Dieser Erfolg ist in erster Linie Wolfgang Thierse - Präsident des Bundestages und vorübergehend einer der politischen Moderatoren der Expertenkommission - zu verdanken, der von der Expertenkommission her die Brücke zum Bundestag zu schlagen verstand. Nun kann das Konzept für einen Neubau im Erscheinungsbild des ehemaligen Schlosses auch durch die angekündigte neue Arbeitsgruppe der Bundesregierung und des Berliner Senats, wie geargwöhnt wurde, nicht mehr - so wörtlich: - verzögert und verwässert werden.

Die Frage bleibt: was ist mit der nunmehr getroffenen Entscheidung des Bundestages für die Lösung der gestellten Aufgabe einer Neuaneignung des Ortes Mitte Spreeinsel tatsächlich erreicht worden - und was nicht. Alle Fragen offen?

Sicher nicht. Aber: viele Fragen offen!

Was ich dazu hier vortrage, deckt sich mit dem, was ich als Mitglied der Internationalen Expertenkommission ein Jahr lang im Disput mit deren Mehrheit selbst lernte und - sofern ich es für notwendig hielt in Minderheitsvoten stets auch äußerte, die zum Teil als einzelne Statements im Abschlussbericht der Kommission enthalten sind, in geschlossener Form eines Sondervotums als Beilage zum Abschlussbericht aber ebenso zurückgewiesen wurden wie die von Peter Conradi und Franziska Eichstädt-Bohlig. Was ich aus der seit April stattgefundenen öffentlichen Diskussion und vor allem aus der Debatte des Bundestages auf seiner Tagung am 4. Juli lernte, fasse ich in den Satz zusammen:

Der Bundestag wünscht sich ein Schloss - gewiss nach bestem Gewissen, nicht aber auch nach bestem Wissen.

Dazu zwei Überlegungen:

Zu ungelöst gebliebenen Problemen
Der Beschluss des Bundestages vom 4. Juli 2002 zielt vordergründig auf eine politische Präjudizierung der von der Bundesregierung und vom Senat von Berlin erst noch zu fassenden Beschlüsse zur Neuaneignung des Ortes Mitte Spreeinsel, des so genannten Schlossplatzareals. Er dient speziell der politischen Durchsetzung der von der Expertenkommission empfohlenen Errichtung eines neuen Schlossgebäudes mit barocken Fassaden, keineswegs jedoch einer politischen Vorbereitung der notwendigen Entscheidungen über so wichtige Sachverhalte wie Nutzung, Finanzierung und Bauträgerschaft eines neuen Schlossgebäudes.

Zur Nutzung
Wie schon die Expertenkommission erweckt auch der Bundestag vor sich selbst und der breiten Öffentlichkeit den Anschein, als sei das Problem der Nutzung im Grunde geklärt und es genüge, die empfohlene Orientierung auf kulturelle Kommunikation und öffentliche Zugänglichkeit lediglich zu begrüßen. Tatsache aber ist, dass es keine konkret ausgearbeitete Konzeption der drei Hauptnutzer - Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Humboldt-Universität und Zentral- und Landesbibliothek Berlin - wie auch des noch gar nicht institutionalisierten Agora-Nutzers gibt, weder untereinander noch zum Ganzen des mit Humboldt-Forum bezeichneten komplexen Nutzungsgebildes - und zwar hinsichtlich Anforderung, Bauvolumen und optimaler Integration und Synergie nach innen und außen. Das alles muss noch geklärt werden, und keiner weiß, was dabei herauskommt. Schließlich sind „Humboldt Forum“ und „Agora“ zunächst nur zielorientierte Adressen, die erst noch zu konkretisieren, zu präzisieren oder zu verwerfen sind.

Im Grunde ist fast alles noch offen:

Im Berliner Senat gibt es begründete Zweifel, ob die Zentral- und Landesbibliothek aus Mangel an öffentlichen Mitteln der Stadt Oberhaupt - oder nur teilweise - in das Humboldt-Forum delegiert werden kann.. Für die Museumsleute ist das Schloss vor allem ein Museumsschloss, das in Ergänzung der Museumsinsel dazu beitragen soll, in der historischen Mitte von Berlin eine einmalige Museumslandschaft von europäischem Rang zu bilden. Ob dafür aber die Dahlemer Museen die geeigneten Nutzer sein würden oder ob an diesem Ort nicht besser eine Gemäldegalerie europäischer Meister den Vorzug erhalten sollte wird von denen erneut diskutiert, die schon vor Jahren erwogen hatten, die Berliner Museumslandschaft funktionell und räumlich neu zu ordnen und jetzt darauf drängen, ein entsprechendes Konzept in Hinsicht auf den geplanten Schlossbau auszuarbeiten und zu verwirklichen. Von einer solchen Entscheidung hängt ab, wie die vorgesehene Agora - der Fokus des gesamten Nutzungskomplexes - als Ort der Begegnung der Museumsbesucher mit den ausgestellten künstlerischen Exponaten der Vergangenheit im Interesse eines öffentlichen Dialogs kulturell in Szene gesetzt werden kann. Andere als die Museumsvertreter interessieren sich in erster Linie dafür, was der Agora-Bereich auch unabhängig von den Museen sein könnte: als wissens- und kulturgestützter Ort für Debatten über Probleme des Lebens der Menschen heute und morgen, als ein Ort, an dem sich die Deutschen aus Ost und West im Dialog über den keineswegs abgeschlossenen Prozess der deutschen Vereinigung wie auch über den Prozess fortschreitender Europäisierung und Globalisierung verständigen, in diesem Sinne als Bürgerforum des 21. Jahrhunderts. Einige fordern für einen Neubau auf der Spreeinsel ein lebendiges Haus der Kulturen der Welt oder aber auch ein „republikanisches Zentrum Deutschlands“. Der Wunsch vieler ist, dass vor allem auch kulturelle Veranstaltungen und Feste im neuen Gebäude stattfinden. Die einen orientieren dabei auf die Tradition des Kultur- und Volkshauses für alle, wie sie schon im Palast der Republik verkörpert war, andere wünschen sich hier einen Ort für repräsentative Events der Eliten aus Politik, Wirtschaft und Kultur: für Begegnungen und Veranstaltungen, Empfänge und Festivitäten besonders mit begehrlichem Blick auf den Schlüterhof.

Über solche Nutzeransprüche hätte schon der Kulturausschuss des Bundestages und dieser dann selbst diskutieren und politisch richtungweisend befinden müssen anstatt nur die Richtung zur barocken Schlosshülle zu weisen. Nicht zuletzt hätte er sagen müssen, in welchem Verhältnis der Ort Mitte Spreeinsel zu anderen gesellschaftlich bedeutenden Orten im Zentrum Stadtmitte begriffen und entwickelt werden sollte. Kein Wort dazu.

Zur Finanzierung
Ebenso wie schon die Expertenkommission begnügt sich auch der Bundestag mit der bloßen Empfehlung einer öffentlich-privaten Partnerschaft - im Text der Beschlussvorlage (Punkt 4) heißt es sogar irrtümlich oder absichtlich (?): privat-öffentliche Partnerschaft - zur Finanzierung der Bau- und Nutzungskosten des zu errichtenden Gebäudes, ohne diese auf ihre gesellschaftlichen Problematik hin zu hinterfragen und deren Klärung zu fordern, die darin besteht, welche öffentlichen und privaten Interessen mit der Finanzierung verbunden sind und was getan werden muss, damit die von der Expertenkommission als Forderung erhobene - wenn auch nicht näher charakterisierte - Dominanz der öffentlichen Interessen gegenüber den privaten an diesem bedeutenden Ort in der Mitte der Bundeshauptstadt auch tatsächlich garantiert werden kann. Zwar scheint nach den Aussagen der Expertenkommission die Dominanz der öffentlichen Hand gegenüber der privaten Hand infolge ihrer höheren Gesamteinlagen in die - als Aktiengesellschaft mit öffentlich-privater Partnerschaft - geplante Unternehmung theoretisch gesichert zu sein. Wie sie aber beim Bau und bei der Nutzung des Gesamtkomplexes Humboldt-Forum insgesamt und besonders in Hinsicht auf die als institutioneller Eigenbereich mit vorwiegend privater Finanzierung vorgesehene Agora auch praktisch zu bewerkstelligen sei und wie dabei vermieden werden kann, dass bei der inhaltlichen Bespielung wie vor allem auch bei der Erwirtschaftung der ökonomisch notwendigen Gewinne letzten Endes nicht doch Kommerzialisierung und eitle Imagebildung zum Wohle privater Geldgeber dominieren, das hat schon die Expertenkommission offen gelassen. Auch der Bundestag gab dazu keine Auskunft, er überging das Problem ganz einfach. Sein Interesse war allein auf die Schlosshalle fixiert: ideell ästhetisch, nicht darauf, was hinter ihr optimal stattfinden könnte, und materiell-praktisch zu realisieren sei.

Zur Bauträgerschaft
Der Bundestag äußerte kein Wort darüber, dass die notwendige Voraussetzung für die Realisierung der gewünschten Nutzungs- und Finanzierungskonzeption die Institutionalisierung eines ideell und materiell potenten Bauträgers ist, der wie schon für Nutzung und Finanzierung - in öffentlich-privater Partnerschaft gebildet und zur Wirkung gebracht werden muss: und zwar aus politisch -gesellschaftlichen Gründen im dominant öffentlichem Interesse. Zwar wird die Forderung nach Einsetzung eines Bauträgers allgemein gestellt, aber seine Aufgaben werden weder ökonomisch noch politisch charakterisiert - selbstverständlich nicht im Detail, aber in der Verantwortung vor der Gesellschaft.

Vor lauter Begeisterung für das Wunschbild Schloss überging der Bundestag einige andere Empfehlungen der Expertenkommission, so die Freihaltung des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes für eine öffentliche kulturell-kommunikative Nutzung sowie die temporäre Nutzung des asbestentsorgten Rohbaus des ehemaligen Palastes der Republik. Es ist symptomatisch für den erreichten Grad an emotionaler Schloss-Bild-Trunkenheit, dass die Medien dies schon gar nicht mehr wahrgenommen haben.

Zum Wunschbild Schloss
Die Begründungen des Deutschen Bundestages für den Wiederaufbau des Schlosses sind ebenso schwach wie die der Expertenkommission. Ich diskutiere dies hier lediglich unter drei Aspekten:

Das Schloss als Mitte und zentraler Wert der Stadt?
Aus der ständig wiederholten Behauptung, das Schloss sei die Mitte der Stadt, ja sogar der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung gewesen, wird gefolgert, dass Berlin nur mit dem wieder aufgebauten Schloss seine Mitte zurück erhalten könne. Dr. Hans Stimmann hat dafür in erster Linie - ganz im Sinne des von ihm vertretenen Planwerks Innenstadt - städtebaulich-ästhetische Gründe angeführt: der historisch weitgehend erhalten gebliebene bzw. rekonstruierte und rekonstruierbare städtebauliche Kontext um das ehemalige Schlossareal herum mache den Verlust des Schlosses umso empfindlicher. Nur ein wieder aufgebautes Schloss könne die Wunde im Leib der Stadtmitte schließen und ihre historische Kontinuität im Bewusstsein halten. Wilhelm von Boddien popularisierte den von Wolf Jobst Siedler stammenden Ausspruch: „Das Schloss lag nicht in Berlin - Berlin war das Schloss“ immer wieder in seinem monatlichen Extrablatt Berlin. Was er damit sagen wollte, war: Berlin hat seine Identität mit dem Verlust des Schlosses verloren, es brauche also das Schloss, um seine Identität wieder zu erlangen. Wolfgang Thierse - in seiner Funktion als politischer Moderator der Expertenkommission wie auch als Präsident des Deutschen Bundestages - sprach und spricht immer wieder wie andere auch vom Wiederaufbau des Schlosses als notwendiger Vergegenwärtigung von Geschichte, damit Geschichte sich nicht verliere. Es gäbe in der neuen Bundeshauptstadt Berlin bereits genug zeitgenössische Architektur, an diesem alten historischen Ort der Stadt jedoch sei das historische Bild der Vergangenheit Voraussetzung, um die Geschichte der Stadt von ihrem Kern her überhaupt in Erfahrung bringen zu können.

Das alles klingt plausibel, ist jedoch in vielem ahistorisch gedacht und deshalb nur in Teilaspekten akzeptabel.

Erstens: Das Schloss war nur zur Zeit Berlins als Festungsstadt im späten 17. Jahrhundert Mitte der Stadt und wurde erst mit der Wende zum 18. Jahrhundert zum Ausgangspunkt absolutistischer Stadtentwicklung in Richtung Unter den Linden, Dorotheenstadt und Friedrichstadt. Dadurch wurde es einseitig zum Point du vue der Straße Unter den Linden. Nach der bürgerlichen Revolution 1848 und mit dem Neubau des Rathauses verlor es trotz Kaiserreich ab 1871 und Dombau ab 1888 zunehmend an seiner dominanten Bedeutung in der Weltstadt Berlin.

Zweitens: Die durch den substanziellen Verlust des Schlosses entstandene Lücke im städtebaulichen Kontext der historischen Mitte der Stadt sollte gewiss geschlossen werden. Das kann, muss aber nicht durch ein wieder aufgebautes Schloss geschehen. In der Expertenkommission eingebrachte Vorschläge, die durch den Bau des Palastes der Republik und vor allem durch die Anlage des vor ihm liegenden maßstabslosen Platzes bewirkte Auflösung des früheren - durch das Schloss baulich fixierten - räumlichen Zusammenhanges zum Lustgarten und zum Ensemble Unter den Linden in neuer baulicher Gestalt zu überwinden und mit diesem Ziel einen städtebaulichen Wettbewerb auszuloben, sind zugunsten eines neuen Schlossgebäudes zurück gewiesen worden.

Drittens: Identität mit einer Stadt - festgemacht an einzelnen, auch noch so bedeutenden Orten und Gebäuden - entsteht im realen Leben der Menschen nachfolgender Generationen nur in dem Maße, wie diese sinnstiftende Bedeutung für ihre Gegenwart und Zukunft erlangen. Die Frage, was ein wieder aufgebautes Schloss uns Deutschen heute und morgen wert sein kann, und gar die Frage, was wir uns selbst an diesem historischen Ort mit dem alten Schloss wert sein wollen, ist unzureichend - nämlich nur ästhetisch - gestellt und beantwortet worden.

Viertens: Wer alte Stadtgestalt mit dem alten Schloss derart apodiktisch und ahistorisch als Wert für heute setzt, der braucht nicht über den gesellschaftlichen Wert dieses Ortes in der Vergangenheit und erst recht nicht in der Zukunft nachzudenken. Der muss auch nicht die Frage steilen, ob denn allein das Schloss - wenn schon nicht der Palast allein - ein geeignetes Symbol für das vereinte Deutschland sein kann, ob dies nicht überhaupt nur ein Neubau zu leisten vermag. Was für eine Historizität soll ein wieder aufgebautes Berliner Schloss für die nach langer deutscher Teilung noch immer nur formell, nicht aber wirklich im Inneren vereinten Berliner aus Ost und West haben? Sollen sie sich ihrer gemeinsamen Zukunft in einem wieder aufgebauten Hohenzollernschloss historisch vergewissern?

Das Schloss im Widerspruch von Funktion und Gestalt
Die Empfehlungen der Expertenkommission zu Funktion und Gestalt des neuen alten Schlosses sind vom Bundestag mitsamt den darin enthaltenen Widersprüchen kritiklos - schon weil in ihrer Kritikwürdigkeit nicht erkannt wurde - übernommen worden.

In der Tat entstanden die Empfehlungen zu Funktion und Gestalt in der Kommission völlig unabhängig von einander: sie sind als Werte für sich gesetzt worden. Dazu kam es, weil viel zu vorzeitig - auf halbem Wege der Kommissionsarbeit am 13. Juli - ohne komplex durchdachte Nutzungskonzeption, lediglich auf der Basis ungefährer Wünsche der Nutzer - bereits bindende Festlegungen zu Stadtraum und Bauwerk getroffen wurden, konkret: zum Wiederaufbau des Schlosses und zum Abriss des Palastes der Republik. Tatsächlich ist dann erst sehr viel später - am 19. Dezember - die zusammen mit der Finanzierungskonzeption vorliegende Nutzungskonzeption gebilligt und dem Schlossgebäude zugeordnet worden. Diese doppelte Wertsetzung ohne innere Identität, die Funktion und Gestalt verselbständigt, aber auch austauschbar macht, verleiht dem Ort Mitte Spreeinsel von vornherein eine widersprüchliche Bedeutungshaftigkeit. Das „Schloss“ könnte auch eine andere Nutzung haben, diese könnte in anderer baulicher Hülle realisiert werden. Bei der Diskussion im Bundestag spielte das alles keine Rolle.

Die praktische Angemessenheit von Funktion und Gestalt des gewünschten Schlossbauwerkes ist weder in der Expertenkommission noch in der Bundestags-Diskussion geprüft worden. Die Tatsache, dass die von den Nutzern geforderten Flächenansprüche von insgesamt 100.000 qm HNF (Hauptnutzfläche, bezeichnet die Fläche, die ohne Flure und Nebenräume für einen bestimmten Zweck erforderlich sind; Anm. d. Verf.) nur mit 80.000 qm im Schlossgebäude selbst, der Rest aber als „Überlauf“, wie es bildlich so schön hieß, im Umfeld realisiert werden können, ist als Auskunft der Expertenkommission vom Bundestag nur mit dem Hinweis versehen worden, dass das Verhältnis von Flächenansprüchen und Bauvolumen eben noch geprüft werden müsse. Über die ideelle Angemessenheit oder Nichtangemessenheit von Funktion und Gestalt des gewünschten Schlossbauwerks, das ja in seiner baulichen Erscheinung wie früher die frustrierende Wirkung einer Zitadelle beibehält und damit allem Gerede über neue Urbanität an diesem Ort Hohn spricht - hat der Bundestag ebenso wenig nachgedacht wie schon die Expertenkommission. Bestimmend für seine Entscheidung war allein die Fiktion vom Schloss als Bild, das sich mit großer verführerischer Rhetorik schon seit Jahren, vor allem seit dem Schlosskulissenbau 1993/94 im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht zuletzt der Politiker und damit auch der Mitglieder des Bundestages festgesetzt hat. Wie nun die Funktion in die Gestalt kommt - quasi wie der Inhalt in die Form - soll, wie schon die Expertenkommission vorschlug, durch einen Realisierungswettbewerbgeklärt werden. Nach der Zustimmung des Bundestages zu einem Schloss als Neubau in der Gestalt des alten Schlosses mit barocken Fassaden (Variante A) kann es sich nunmehr nur noch um eine Art Ausbauwettbewerb handeln.

Diese Orientierung auf das historische Bild vom Schloss hat, wie es bereits im Abschlussbericht der Kommission heißt, „institutionelle Anleger“ dazu bewogen, sich „für dieses Vorhaben - das Schloss und nur hierfür“ - ernsthaft zu interessieren. Der Bundestag hat dem Rechnung getragen, wenn er klar und deutlich sagt: „Durch die Vergegenwärtigung von Geschichte (...) lässt sich auch eher eine Mobilisierung privaten Kapitals realisieren“. Damit ist alles gesagt: Das große Kapital Deutschlands wünscht sich das Schloss: als barockes Ambiente zur historischen Vergewisserung seiner eigenen gesellschaftlichen Rollenspiele heute und morgen. Und der Deutsche Bundestag wünscht sich das Schloss für das ganze deutsche Volk - auch für die Bevölkerung? Was für eine Concordance von Kapital und Volk.

Zum Umgang mit Geschichte
Der deutsche Bundestag und sein Präsident Wolfgang Thierse drängten auf den Wiederaufbau des Schlosses als notwendige bauliche Vergegenwärtigung der Geschichte deshalb so vehement, weil Berlin, wie sie sagen, gerade in seiner Mitte historische Vergewisserung braucht. Das ist freilich eine pragmatische Vereinfachung des Umgangs mit Geschichte, wenn nur Vergangenheit, nicht aber auch Zukunft ins Auge gefasst wird. Zweifellos gilt: ohne Vergangenheit keine Zukunft. Aber ohne Blick in die Zukunft - besser: aus der Zukunft - kein produktiver Umgang mit der Vergangenheit. Bauliche Vergegenwärtigung der Geschichte zur historischen Vergewisserung der Vergangenheit macht nur Sinn in Hinsicht auf eine bauliche Vergegenständlichung der Gegenwart zur perspektivischen Vergewisserung der Zukunft - und zwar wie im Fall von Berlin nicht nur arbeitsteilig an Orten nebeneinander, sondern im Prinzip an allen Orten - je nach dem Charakter und der Sinnbestimmung eines jeden - in notwendiger Einheit, gerade auch am bedeutendsten symbolischen Ort der Stadt selbst. Die mit dem neuen Schlossbau nun konzipierte Einheit der Gegenwart einmal als Vergangenheit außen und zum anderen - im besten Fall - als Zukunft innen, ist ein Widerspruch in sich. Sie könnte nur mit postmoderner Ironie gestaltbar werden. Doch Postmoderne liegt den Deutschen nicht. Sie entscheiden sich lieber entweder für die Moderne oder für den Historismus. Und an einem solchen Ort historischer Vergangenheit soll doch wohl im baulichen Erscheinungsbild ganz gewiss der Geist des Historismus herrschen. Die Entscheidung des Bundestages hat das deutlich gemacht.

Fazit
Der Souverän hat gesprochen und lobt sich seines Sieges. Das macht viele glücklich, andere nicht. Viele sind vor allem erstaunt - wenn nicht zutiefst besorgt - über die Art und Weise, wie das höchste Parlament im Lande seine Entscheidung vollzog: auf der Welle einer durch die Medien jahrelang erzeugten Suggestion und selbst eifrig mitbewirkten Autosuggestion des Schlosses als der Erlösung vom Mangel an eigener gesellschaftlicher Wertsetzung in der Mitte der deutschen Bundeshauptstadt. Und dies alles mit einem emotionalen Einsatz ohnegleichen. Manche sind geradezu fassungslos über diesen in aller Öffentlichkeit inszenierten Prozess einer demokratischen Machtergreifung der Gefühle über den Verstand. Kein Wunder, wenn eine gewisse Presse in triumphaler Siegestrunkenheit sich schon fast selbst überschlägt - so wenn „Der Tagesspiegel“ vom „demokratischen Schloss“ schreibt, nur weil der Wiederaufbau des Schlosses demokratisch beschlossen wurde, oder wenn „Die Welt“ in einer Balkenüberschrift verkündet: „Wir sind das Schloss“ und den Weg zum Beschluss des Bundestages zum Vorgang einer wundersamen „deutschen Einheit“ verklärt und damit den historisch berühmten Spruch von 1989 „Wir sind das Volk“ und seine Bedeutung für die später vollzogene deutsche Vereinigung stiehlt und zur Triade banalisiert: Wir sind das Volk - Wir sind ein Volk - Wir sind das Schloss. Das alles ist charakteristisch für die Lage, in die wir heute geraten sind. Wie kommen wir da wieder heraus?

Was auch immer gegen den Beschluss des Bundestages einzuwenden ist - er ist nun erst einmal da. Fragen wir nüchtern: was bleibt zu tun?

Die erste Reaktion von Berliner Politikern des Senats und der regierenden Koalitionsparteien des Abgeordnetenhauses, aber auch von den Oppositionsbänken des Bundestages lautete: Der Bundestag hat sich die Rolle des Auftraggebers angemaßt, soll er also auch bezahlen, was er bestellt hat. Das wird sich zeigen.

Wer was bestellt und dann auch bezahlt, berät jetzt erst einmal die von der Bundesregierung und dem Berliner Senat am 5. Mai vereinbarte Arbeitsgruppe, die unter Leitung des Kulturstaatsministers Dr. Julian Nida-Rümelin übermorgen zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammentreten wird und wahrscheinlich ein Jahr lang eine nicht einfache Arbeit vor sich hat. Schließlich muss sie ja jetzt im Rahmen der Vorgaben des Bundestages disponieren - oder diesen aufweiten, wenn nicht gar sprengen. Jedenfalls ist diese Arbeitsgruppe - hoffentlich mit Transparenz nach außen - für die nächste Zeit der offizielle Ansprechpartner. Darüber hinaus bleibt die außerparlamentarische Diskussion. Vielleicht kann ja über sie - sofern sie sich bildet - ein neues Denken über die anstehende historische Aufgabe einer Neuaneignung des Ortes Mitte Spreeinsel entstehen und wirksam werden.

Was unmittelbar anzustreben wäre, das ist die Vorbereitung und Realisierung einer zwischenzeitlichen Nutzung des brachliegenden Ortes - sowohl der Innenräume des asbestentsorgten Rohbaus des Palastes der Republik, solange er noch nicht abgerissen ist, wie auch seines räumlichen Vorfeldes, das bis zum Bau eines neuen Gebäudes zur Verfügung steht. Ein idealer Ort, Möglichkeiten der Zukunft in der Mitte des historischen Berlin mit den Mitteln der Kunst experimentell zu erkunden und damit zugleich ganz real die Stadt zu beleben.

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Quelle: http://www.pdr.kultur-netz.de/flierl.htm

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