Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Auszug aus der Bundestagsdebatte über Abriss und Neubau des Stadtschlosses

Stand: 12.11.2003

Wolfgang Thierse (SPD):
„Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Worüber wir heute streiten, ist die Frage, ob sich der demokratische Souverän zutrauen darf, nicht nur über ein Nutzungskonzept und allgemeine Grundsätze der Gestaltung von Berlins historischer Mitte zu befinden, sondern auch über deren Gestaltung.

(...)

Der demokratische Souverän als Bauherr legt sich fest, verschiebt die Entscheidung nicht erneut, überlässt sie nicht den berechtigten wie verständlicherweise an ders gearteten Interessen von Architekten, Investoren oder Interessengruppen. Wir sollten entscheiden, dass und wie die historische Mitte Berlins künftig Gestalt gewinnt.

(...)

Es geht nicht - um das noch einmal zu betonen - um den Wiederaufbau des Schlosses insgesamt, sondern um einen modernen Bau, der zugleich Geschichte wieder erinnert, wiedergewinnt und wieder zeigt, ohne jedoch zu verstecken, ein moderner Bau zu sein. Es geht um ein Haus für eine öffentliche Nutzung durch die Bürger, deren Bürgerengagement wir für den Bau gewinnen wollen. Das Ergebnis könnte faszinierend sein: eine der großen Museumslandschaften der Welt in der historischen Mitte der deutschen Hauptstadt. Das ist das Projekt.“

Dr. Antje Vollmer, Bündnis 90/Die Grünen:
„Es gibt keine naturgegebene Identität und auch keine naturgegebene Differenz zwischen architektonischen Baustilen und der Demokratie. Missbrauch, auch Missbrauch von politischer Macht, kann in jeder ästhetischen Form von Architektur passieren. Das heißt, es gibt nicht, wie oft suggeriert worden ist, einen direkten Zusammenhang zwischen dem Baustil der Moderne und der Demokratie. Demokratie kann in jedem Gebäude stattfinden. So passiert es auch in vielen Demokratien unserer europäischen Nachbarn.

In der Kunst gilt, was gut ist. In der Kunst gilt, was Qualität ist. Das Berliner Schloss war allererste Qualität. Die Baumeister Schlüter, Eosander und später Erdmannsdorff waren allererste Baumeister ihrer Zeit. Wir hängen also keinem nostalgischen Bild an, wenn wir uns für den Wiederaufbau einsetzen, sondern wir versuchen, etwas zu rekonstruieren, was von ganz großer Bedeutung war. Man begreift das sehr schnell, wenn man sich den Stadtraum an dieser Stelle von oben anguckt. Man sieht dann nämlich, dass das historische Berlin um dieses Schloss herum konstruiert worden ist.

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Notwendig ist die Wiederherstellung eines Zentrums, das ein dynamisches Zentrum war. Zu den Argumenten der Kritiker. Sie fragen: Hat denn die Moderne bei euch keine Chance? Schon von vielen ist gesagt worden: Wie in keiner anderen europäischen Metropole hat die Moderne in der Stadt Berlin ihre Chancen gehabt.

(...)

Im Unterschied zu den großen europäischen Metropolen Rom, London, Paris, Prag und Wien fehlt in Berlin einzentrales Moment der geschlossenen architektonischen Tradition. Wir haben einzelne Momente der Tradition, aber wir haben kein geschlossenes Ensemble. Es geht darum, ob wir ein Ensemble der Tradition wiederherstellen dürfen. Jetzt sagen die Kritiker: Man muss sich doch zu den Brüchen bekennen. Ich finde, es gibt in dieser Stadt, die so viele Brüche hat, geradezu einen Kult der offenen Wunde. Das ist weder realpolitisch noch modern. Ich halte den Kult der städtebaulichen Wunde selbst für ein sehr romantisches Motiv.

(...)

Dürfen wir überhaupt rekonstruieren? Rekonstruktion ist keine ästhetische Lüge. Rekonstruktion heißt auch nicht, dass man politische Restauration will. Wer das behauptet, der interpretiert politische Bedeutungen in ästhetische Entscheidungen. Rekonstruieren ist auch kein Sich-Outen als preußischer Militarist. Ich habe mich immer gefragt: Warum gilt Rekonstruieren eigentlich nicht als eine Möglichkeit der Moderne? Wenn man rekonstruiert – genau das kann man bei der Frauenkirche in Dresden sehen –, dann erhält man vor allen Dingen eines: ganz großen Respekt vor der Meisterlichkeit unserer Vorfahren. In Dresden sehen wir – das begreift eine ganze Stadt, die diese Mitte rekonstruiert –, dass wir der damaligen Zeit heutzutage in vielem nicht so viel voraus sind und wir in manchem sogar hinter dem zurückliegen, was man früher an ästhetischer, künstlerischer Qualität und an technischer Meisterlichkeit hervorgebracht hat. Dies dürfen wir uns auch heute noch in Erinnerung rufen.

Ich komme auf die politische Botschaft zu sprechen. Das Ensemble Unter den Linden – es wäre das einzige historisch Zusammenhängende, wenn wir es rekonstruieren würden – sagte inhaltlich Folgendes aus: In der Mitte der Ort für die politische Macht. Darum herum – eingebunden – war die Museumsinsel, waren die Universitäten, waren die Opern, war die Neue Wache – sie stand damals für Militärreform und nicht für Militarismus – und waren die Kirchen als ein Ort der Toleranz. Das heißt, dieses Ensemble war eine politische Landschaft, es war Ausdruck einer großen europäischen Kultur der Toleranz, der Aufklärung und der Humanität. Ich glaube, dass es erlaubt ist, sich zu dieser Tradition zu bekennen. Ich glaube sogar, dass es vor dem Hintergrund des Europa, das wir bauen werden, wichtig ist, an diese Tradition zu erinnern."

Dr. Günter Rexrodt (FDP):
„Die Menschen unserer und wohl auch der folgenden Generationen suchen Identität in ihrer Geschichte. Zumindest in ihrer großen Mehrheit brauchen Sie diese Identität auf dem Weg in ein neues, größeres Gemeinwesen, in das Gemeinwesen Europa. Dass dieser Weg beschritten wird, wollen und befürworten auch wir. Diesen Weg kann man aber nur dann gehen, wenn man weiß, wer man ist.

Im Übrigen tun sich andere Völker sehr viel leichter und gehen sehr viel selbstverständlicher damit um, wenn es solche Entscheidungen zu treffen gibt. Wir wissen, warum; wir sollten aber auch ein Stück von diesem ganz natürlichen Geschichtsverständnis übernehmen.

„Letztlich sind es auch finanzielle Aspekte, die für die barocke Fassade sprechen. Wenn ich sage "letztlich", dann ist das eigentlich wieder nur politische Correctness, denn ohne Geld geht im Grunde genommen gar nichts. Die Public Private Partnership wird sich schwer tun, die für diesen Bau notwendigen 670 Millionen Euro aufzubringen. Ich bin davon überzeugt, dass es, wenn wir keine barocke Fassade vorsehen, sehr viel schwerer sein wird, private Mittel und Spenden zu mobilisieren.“

Eckhardt Barthel (Berlin) (SPD):
„Diese Aussage ist richtig. Aber sie ist auch nachdenkenswert, Herr Rexrodt. Ich möchte es etwas zuspitzen: Wenn wir moderne Architektur oder auch nur alternative Modelle deshalb ausgrenzen, weil sie möglicherweise kein Geld bringen - und das an einer Stelle, wo für die Zukunft gebaut wird - habe ich mit diesem Argument große Probleme.“

Dr. Thomas Flierl, Senator (Berlin):
„Wenn sich der Bundestag bereits jetzt zur Architektur äußern würde, das heißt, ohne sich zuvor zum Bauherren erklärt und die Bauaufgabe definiert zu haben, entstünde eine mehrfach paradoxe Situation: Nicht nur, dass dem Bundestag die Möglichkeit genommen würde, unter verschiedenen architektonischen Varianten des Projektes die beste Lösung zu wählen, eine paradoxe Situation entstünde auch dadurch, dass sich der Bundestag, bevor er sich zur Bauaufgabe, zu deren Finanzierung sowie zur zukünftigen Betreibung verbindlich geäußert hat, bereits durch politische Willensbildung in der Frage der Gestaltung fest an das Projekt gebunden hätte. Wer die Entscheidung über die Architektur trifft, hat auch die Verantwortung für die Finanzierung zu tragen.

Was geschieht, wenn sich der Bundestag ein Schloss wünscht, die finanzielle Kraft zum Humboldt-Forum aber nicht reicht oder sich Konflikte zwischen der noch zu präzisierenden Nutzung und bereits getroffenen gestalterischen Vorgaben einstellen? Ist dann das historische Stadtbild höher als die öffentliche Nutzung zu bewerten?

Ist dem Bundestag der Wunsch nach historischen Fassaden jene fast 600 Millionen Euro wert, die das Humboldt- Forum kosten soll, selbst dann, wenn die Fassaden von privater Seite finanziert werden?

Nach Auffassung der den Berliner Senat tragenden Parteien sollte der verabredete Weg einer stufenweisen Entwicklung des Projekts weiter beschritten werden und Architektur und Fassadengestaltung erst im Ergebnis eines offenen Wettbewerbes geklärt werden.“

Franziska Eichstädt-Bohlig (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
„Sorgen Sie dafür, dass von Architekten, Künstlern und Baumeistern erst das Nutzungskonzept für dieses Humboldt-Forum erstellt wird - es ist wirklich wichtig, diesen bedeutsamen Ort demokratisch zu besetzen -, bevor die Politik definitiv darüber entscheidet. Halten Sie die richtige Reihenfolge ein, also zuerst das inhaltliche Konzept zu konkretisieren und Finanzierungsmöglichkeiten zu finden! Dies wird auf jeden Fall schwierig. Machen Sie sich darüber keine Illusionen und tun Sie nicht so, als wäre die Finanzierung dadurch gesichert, indem man die Fassade von vornherein als historisierend definiert! Diese Illusion sollten wir uns nicht machen.“

Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU):
„ Fast alle Berliner Gebäude sind erst nach dem Bezug des Schlosses errichtet worden. Es war das Gravitationszentrum der städtebaulichen Entwicklung Berlins. Schinkels grandioses Konzept der Mitte Berlins und sein Entwurf für das Alte Museum sind ohne das Gegenüber dieses Schlosses gar nicht verständlich. Ich will im Übrigen nur einmal in Erinnerung rufen, dass das schinkelsche Konzept für diesen ersten Bau auf der Museumsinsel erst nach 27 nicht befriedigenden Entwürfen beschlossen worden ist.

In keiner anderen Residenzstadt hat sich das Herrscherhaus statt mit anderen Adelspalästen rund um das Schloss vornehmlich mit Kultur und Wissenschaft umgeben. Im Schloss selbst gab es die erste öffentliche Bibliothek und die Vorläufer der heutigen Sammlungen der staatlichen Museen und der Humboldt-Universität.

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, keinen Streit kann es darüber geben, dass dieser Platz und dieser Bau eine herausragende geschichtliche Bedeutung haben.

Vom Berliner Schloss aus wurde seit Mitte des 15. Jahrhunderts Brandenburg, seit Beginn des 18. Jahrhunderts Preußen und seit Ende des 19. Jahrhunderts Deutschland regiert. Die Geschichte Berlins, Brandenburgs, Preußens und Deutschlands hatte hier über Jahrhunderte ihren Kristallisationspunkt. Gerade deshalb wurde es 1950 von einem vermeintlich neuen Deutschland in einem beispiellosen Akt der Hybris und der kulturellen Barbarei in die Luft gesprengt, als ließe sich auf einer mutwillig getilgten gemeinsamen Vergangenheit eine bessere Zukunft bauen. Dadurch hat dieses Schloss eine politische Symbolbedeutung und den Rang eines nationalen Denkmals erhalten.

Eines will ich allerdings gleich hinzufügen: Das demokratische wiedervereinigte Deutschland – föderalistisch verfasst – hat einen anderen Kristallisationspunkt. Es ist der Platz der Republik mit dem Reichstag als Sitz eines frei gewählten Parlaments und dem Kanzleramt als Spitze der Exekutive.“

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Quelle: http://dip.bundestag.de/btp/14/14248.pdf

 

Nach der Debatte im Bundestag wurde abgestimmt, wobei etwa zwei Drittel der Abgeordneten für folgenden Beschluss votierten:

"1. Der Deutsche Bundestag begrüßt, dass der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe "Schlossareal" an der Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses unter Berücksichtigung der historischen Fassaden und an der Nutzungsvariante des Humboldt-Forums festhält.

2. Der Deutsche Bundestag hält das vorgeschlagene Moratorium angesichts der derzeit angespannten Haushaltslage für nachvollziehbar.

3. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, den Abriss des Palastes der Republik öffentlich auszuschreiben, zu beauftragen und gemeinsam mit dem Land Berlin für eine gärtnerische Übergangsgestaltung des gesamten Areals zu sorgen.

4. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, die für die Umsetzung des Beschlusses des Deutschen Bundestages vom Juni 2002 erforderlichen Planungsarbeiten zur Vorbereitung und Durchführung eines internationalen öffentlichen Wettbewerbs bereits jetzt in Angriff zu nehmen. Die Umsetzung des Bundestagsbeschlusses und die Realisierung des Baus sollten bei wirtschaftlich und haushaltsmäßig besserer Situation ohne Zeitverlust möglich bleiben.

5. Der Deutsche Bundestag hält es für verantwortbar, die Planungskosten aus einem Investitionstitel des Haushaltes des Ministeriums für Verkehr, Bau und Wohnungswesen vorzufinanzieren und bei Realisierung des Baus auf die Gesamtkosten anzurechnen."

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