Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Argumente gegen die Schlossrekonstruktion

Anna Teut, 1992

 

„Um nicht missverstanden zu werden: Das Berliner Stadtschloss gehörte sicher zu den bedeutendsten deutschen Baudenkmälern. Seine Anciennität, seine zentrale Lage, seine für ein Stadtschloss gewaltigen Dimensionen, die dem Repräsentanzwillen und Machtbewusstsein des ersten preußischen Königs kongenial entsprechende Zusammenfassung und Fassadierung des gesamten Baukörpers, die grandiose Skulpturierung des östlichen Innenhofes, die Vielzahl und Vielfalt der Innenräume, aus denen sich der Kunstsinn der Kurfürsten, Könige, Kaiser und die künstlerische »Handschrift«, der Stil und Leistungsstand der Architekten, Bildhauer, Maler, Kunsthandwerker, Handwerker und Dekorateure - vom Barock bis zum Eklektizismus des späten 19.Jahrhunderts - wie aus einem Buch ablesen ließen, nicht zuletzt die Aura der Vergänglichkeit jeglicher Macht und Pracht - all dies verlieh ihm eine Bedeutung, die die verschiedenen und mit der Zeit wechselnden ästhetischen Einschätzungen bei weitem überragte.

Mit seiner Zerstörung, heraufbeschworen durch Hitler, vollzogen durch die alliierten Kriegsgegner, verlor Berlin nicht nur sein ältestes und bedeutendstes Monument. Infolge seines Fortfalls und der den Lustgarten einbeziehenden Platzanlage wurde auch das einzigartige Ensemble der Bauten, Straßen und Plätze zerstört, das sich hier versammelt hatte, seit das Königshaus die ursprüngliche Schlossfreiheit und den nördlichen Spreeinselbereich für öffentliche Zwecke freigegeben hatte. Der größte Teil davon ist noch existent und, so man es will, reparabel. Nicht mehr existent und als das, was es war, was es beinhaltete und bedeutete, durch keine Kunst der Welt wiederherzustellen, ist das Schloss. Was von ihm übrig geblieben ist, was den Untergang Preußens überlebt hat, sind die im Seddiner See und unter Trümmerbergen begrabenen Schuttreste, sind die vorsorglich ausgelagerten und überwiegend in andere Sammlungen eingegangenen Inventare, sind die wenigen vom Brand verschonten und vor der Sprengung ausgebauten Fassadenteile und Dekore, sind einige Abgüsse, Maßskizzen und andere rudimentäre Planungsunterlagen, sind Beschreibungen, Memoiren, Reflexionen, wissenschaftliche Text- und Bilddokumentationen und jedermann zugängliche Reproduktionen der Malbilder, Stiche, Fotografien: genug, um die Erinnerung wach zu halten, zu wenig, viel zu wenig, um dem Leben, das darüber hingegangen ist und weitergeht, den Platz, auf dem es stand, vorzuenthalten."

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Anna Teut: Wider die Kopie des Berliner Stadtschlosses; In: Architektenkammer Berlin (Hrsg.): Architektur in Berlin. Jahrbuch 1992, S.55

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