Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Zeitgenössische Architekturkritik am Reichstag

Michael S. Cullen, 1992

 

„Es kam selten vor, dass einer das ganze Gebäude mochte: Ältere Kritiker bevorzugten die Quader- und verabscheuten die Stahl-Glas-Konstruktion, die gewöhnlich für Interims- oder provisorische Bauten benutzt wurde. Die jüngere Generation bevorzugte gerade diese Konstruktion und konnte sich mit dem Neorenaissance-Bau nicht anfreunden. Von Anfang an war das Gebäude heftig umstritten. Mit der Zeit fielen die Urteile drastischer aus, wobei nicht sicher ist, ob dem Inhalt - Parlament, Parlamentarismus, Parlamentarier selbst - oder dem Gebäude die Kritik galt. Otto Erich Hartleben fand, dass das Reichstagsgebäude ein klein wenig zu viereckig sei - 'sonst finde ich es gut'. Harry Graf Kessler nannte es eine 'schlecht imitierte Augsburger Truhe', Stadtbaurat Hoffmann einen 'Leichenwagen erster Klasse'. Gustav Radbruch nannte es das 'Haus ohne Wetter', und Werner Hegemann, der es 'nicht mehr erträglich' fand, wollte es abgerissen wissen. Matheo Quinz urteilte so: 'Trotz seiner Größe kommt im ganzen Hause nicht eine Spur von feierlicher oder wichtiger Stimmung auf. Der repräsentativste Raum, die große Wandelhalle, auch an grellen Sommertagen in schummerigem Halbdunkel dösend, erinnert stark an ein riesenhaftes Hotelvestibül, das ein waghalsiger Spekulant, die Konjunktur überschätzend, übergroß erbaut hat, auf eine Besucherschaft rechnend. die Weltgeltung und Weltgewandtheit hat; statt dessen wird die ganze Wallotpracht von unscheinbaren Kleinstadthonoratioren bevölkert, denen die Dimensionen schreckhaft erscheinen; wie müde Zwerge verschwinden sie in einem Riesenzirkus, der sich um das Denkmal Wilhelms I. dreht.'“.

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Michael S. Cullen: Dem Deutschen Volke. in: Ingeborg Flagge, Wolfgang Jean Stock (Hrsg.): Architektur und Demokratie. Hatje Verlag Stuttgart 1992, S. 146

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