Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über die zeitgenössische Kritik an der Paulskirche

Dieter Bartetzko, 1992

 

„Trotz dieses gewichtigen Einspruchs obsiegte der kauf­männisch-bürgerliche Pragmatismus - die billigere Turm­variante erhielt den Zuschlag. Dennoch, als am 9. Juni 1833 die Kirche - nun offiziell Paulskirche - eingeweiht wurde, präsentierte sie sich als ein Bau wie aus einem Guss. Bürgerliche Solidität und gleichsam freigeistige Monumentalität, Eleganz und Diskretion hatten zu einer fragilen Balance gefunden. Roter Sandstein, zurück­haltender Dekor und die silbrig-graue, im Fernblick denn doch einer Kuppel ähnelnde Schieferhaube bestimmten den Außenbau. Das Innere überzeugte durch die Licht­fülle, die ausgewogenen Proportionen der strahlend weißen Wände und die noble, schlicht-feierliche Anord­nung der zwanzig ionischen Säulen samt den umlaufen­den Emporen. Die Kleinlichkeit der demokratischen Entscheidungsprozesse hatte bewirkt, dass aus den Vor­bildern Domturm, Frauenkirche und Pantheon, aus Mollers Ludwigskirche in Darmstadt, Schinkels Berliner Museum und dem Ahnensaal des Kasseler Schlosses Wilhelmshöhe sich eine eigenständige, unverwechselbare Lösung entwickelt hatte, die Jahrzehnte später in der Kunstgeschichtsschreibung als Höhepunkt des Frank­furter Klassizismus, des einzig eigenschöpferischen Stils der Mainstadt, anerkannt werden sollte.

Gewiss, jeder einigermaßen bauästhetisch sachverständige Betrachter konnte rasch die Schwachstellen dieser aus Kompromiss und Umstand gewachsenen Architektur ausmachen. Er identifizierte den Porphyr der Säulen als geschicktes Täuschungswerk von Stukkateuren, er vermisste Skulpturen und Fresken im Inneren, bemerkte Fehlen einiger, nach dem damaligen Verständnis von Baukunst unverzichtbarer Gesimse, Friese und Dekorationen am Außenbau. Zugleich aber entdeckte er damit die wohl unvermeidbaren Nahtstellen demokratisch-bürgerlicher Entscheidungsfindung, die Architektur gewordenen Metaphern dessen, was - mit allem Glanz und allem Schatten - das Mitspracherecht innerhalb demokratischer Verhältnisse hervorbringt: Unregelmäßigkeiten, Kompromisse, die in ihrer Ambivalenz ertragen werden müssen, und als letztlich achtenswerten Ausdruck demokratischen (Bau-)Willens hingenommen werden sollten.“

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Dieter Bartetzko: Ein Symbol der Republik. In: Ingeborg Flagge, Wolfgang Jean Stock (Hrsg.): Architektur und Demokratie. Hatje Verlag Stuttgart 1992, S. 112 f

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