Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über den Umbau der Paulskirche nach 1945

Dieter Bartetzko, 1992

 

„Die schmucklos schlichte, vom Ruinösen nur einen Schritt entfernte Architektur der frühen Jahre galt (...) zum einen als notwendiger Beweis der Abkehr vom dikta­torischen Pomp der NS-Architektur, als zeitbedingt karge Rückkehr zur Architektur der Moderne, die als offiziell geförderte Baukunst der Weimarer Republik rückblickend die Aura einer dezidiert demokratischen Architektur aus­strahlte. Letzteres symbolisierte in Gestalt noch des unscheinbarsten, aber eben in 'großen einfachen Formen' errichteten Neubaus die entschlossene Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen. Oder anders: Die Ruine, der schmucklose Neubau und die sichtliche Wiederauf­nahme der Bausprache von Bauhaus und 'Neuem Bauen' waren den Verantwortlichen Synonyme kollektiver Buße, Einsicht und demokratischen Neubeginns. 'Eines Tages', so schrieb der angesehene Kirchenbaumeister Otto Bart­ning, nachdem feststand. dass die Paulskirche als Syn­these aus alt und neu, Klassizismus und Moderne wiederaufgebaut würde. 'wenn der Streit um die Neuheit sich beruhigt hat, (wird Frankfurt) stolz darauf sein, dieses Werk zu besitzen... Dieses wird das Urteil der Zukunft sein - so wahr wir überhaupt an unsere Zukunft glauben’.“

(...)

„'Es geht nicht um Frankfurt, sondern es geht um Deutschland, unser aller Vaterland. Die Frankfurter Paulskirche ist sein Haus und Sinnbild. Die Paulskirche ist das Haus der deutschen Demokratie.“ Mit diesen Worten umriss 1947 der damalige hessische Ministerpräsident Christian Stock während der Grundsteinlegung zum Wiederaufbau Funktion und Bedeutung der Paulskirche. Indirekt formulierte er damit auch die Prinzipien der künftigen baulichen Gestalt. Ein Haus der Demokratie zu bauen - demokratisch zu bauen – lautete (...) die Grundforderung an den Wiederaufbau. Dies unter der Prämisse, gestalterisch zwischen Ruine, historischer Reminiszenz und zukunftsweisender Form­gebung zu vermitteln. Beauftragt wurden der als Meister der Moderne (wieder) anerkannte Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz, der Frankfurter Stadtbaurat Eugen Blanck sowie die Architekten Gottlieb Schaupp und Johannes Krahn.

Rudolf Schwarz erläuterte rückblickend, unter welcher Maxime die Gemeinschaft das Bauwerk gestaltete: 'Die Denkmalpflege wollte den alten Bau historisch genau wiederhergestellt haben, aber wir widersetzten uns, denn die große Ruine war weitaus herrlicher als das frühere Bauwerk, ein riesiges Rund aus nackten ausgeglühten Steinen von einer beinahe römischen Gewaltsamkeit. So schön war das Bauwerk noch niemals gewesen und wir erreichten, dass es so blieb. (Der Bau geriet uns in) einer solchen nüchternen Strenge, dass darin kein unwahres Wort möglich sein soIlte.’

(...)

Das Bemühen um eindringliche Symbolik ist es denn auch, das die Paulskirche zum architektonischen Paradigma demokratischen Bauens werden ließ. Dadurch, dass die Architekten die demonstrativ modernen Bestandteile der Paulskirche im Sinne einer 'architecture parlante' gestalteten und deuteten, erweiterten sie den Bedeutungshorizont dieser Rückkehr zur Moderne entscheidend.

(...)

Der Pionierbau des befreiten demokratischen Deutschland, die Paulskirche, entstand (...) als architektonisches Zeugnis des bewussten Umgangs gerade mit der jüngsten Vergangenheit. Die Spuren der selbstverschuldeten Zerstörung und mithin des Scheiterns der Demokratie wurden an ihr nicht getilgt, sondern in allegorischer Form bewahrt. Indem statt des kuppelähnlichen Schieferdachs die Flachkuppel - und diese überdies auf einer zusätzlichen, hohen Attika in Rotsandstein - aufgesetzt wurde, blieb dem eigentlichen Baukörper der Charakter des Rudiments, des Torsos der kriegszerstörten Paulskirche erhalten. Weitere Zeichen setzten deutlich sichtbar belassene Ergänzungen und Ausbesserungen in der rotsandsteinernen Quaderung der Außenwände. Und selbst die äußerlichen Akzente des modernen Wiederaufbaus, die gläsernen Schwingtüren in Hauptportal und Nebeneingängen, fungierten gleichzeitig als Mahnzeichen an die Ruine. Ihre Transparenz ließ die eingetieften runden Laibungen der Portalöffnung weiterhin den starrenden Höhlen gleichen, als die sie nach 1944 erschienen waren. Somit entstand eine Synthese aus Moderne und Tradition, ein sprechendes architektonisches Gleichnis des demokratischen Neubeginns, der sich seiner Verantwortung für das Vorangegangene bewusst bleiben wollte.

Indessen hieße es, die Bauherren und das Bauwerk der demokratischen ersten Stunde ungerechtfertigt zu glorifizieren, wollte man es mit dem Nachvollzug der damaligen Maßnahmen, der Debatten und Interpretationen bewenden lassen. Die Schattenseite jener bewundernswerten Bekenntnisse zur Demokratie und zur Verantwortung bildet das Eiferertum, mit dem sie formuliert und in Architektur übertragen wurden. Die Inbrunst, mit der sich alle Beteiligten den neuen Idealen, der neuen Architektur der Paulskirche zuwandten, erscheint rückblickend (auch) wie die eines besseren, aber nicht minder heißblütigen 'alter ego' all derer, die hartnäckig dem Gestern verhaftet blieben. Beide Seiten reagierten auf ihre Weise verbohrt, insistierten unnachgiebig auf dem, was sie für das Wohl der Nation hielten. Aus dieser Perspektive betrachtet, eignet der feierlichen Schlichtheit der wieder aufgebauten Paulskirche etwas Inquisitorisches: 'Wir hielten den Bau in einer fast mönchischen Strenge', so Rudolf Schwarz, 'und wir meinten damit die Gesinnung, in der die neue Gründung des Reiches erfolgen sollte."

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Dieter Bartetzko: Ein Symbol der Republik. In: Ingeborg Flagge, Wolfgang Jean Stock (Hrsg.): Architektur und Demokratie. Hatje Verlag Stuttgart 1992, S. 109, S. 118, S. 123

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