Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Über den Denkmalbegriff der Nachkriegsarchitektur

Christoph Mohr, 1988

 

„Man hört oft die Äußerung: "Kirchen, Schlösser, Fachwerkaltstädte, auch Villen der Gründerzeit, dass das von Ihnen geschützt werden muss, verstehe ich, aber Geschäftshäuser und Sozialsiedlungen, die noch gar nicht alt sind - und außerdem ist da ja gar nichts dran!"

Aus diesen Sätzen spricht der populär-traditionelle Kunstbegriff, der von einem Großteil der Bevölkerung getragen wird. Diese eingeengte Vorstellung von kulturellem Erbe hat ihrerseits ihre Ursache in der mangelnden Bereitschaft der Wissenschaft, sich mit der jüngsten Architekturproduktion zu befassen. Andererseits spricht daraus auch die generelle Ablehnung der Moderne, die ja die Architektur der Nachkriegszeit zu ihrem größten Teil geprägt hat.

In gleichem Maße, wie sich das Publikum den historistischen Tendenzen der Gegenwart zuwendet, mit ihren Kopien ganzer untergegangener Fachwerkensembles und dem beliebigen Nachbau und paraphrasierenden Wiederholen verlorener Einzeldenkmale, in gleichem Maße wird die Moderne denunziert als Urheberin allen Übels etwa in Form von Trabanten-Schlafstädten und vermeintlich Menschen bedrohenden, maßstabslosen Hochhäusern.

Dieses Unbehagen überträgt sich dann schnell auf die Architektur der fünfziger Jahre, soweit sie ehrlich und konsequent gegen das damals virulente stilistische Erbe des Traditionalismus, das im Dritten Reich besonders gepflegt wurde, anging. Die radikaldemokratischen politischen Ansätze der späten 4Oer Jahre finden ihren Ausdruck in Bauten wie der 1948 uminterpretierten Paulskirche in Frankfurt oder dem Sendesaal des Hessischen Rundfunks. Die spartanisch-karge Geisteshaltung der Frühzeit, die sich in einer klaren Architektur ohne Überflüssiges ausdrückt, wird später überlagert von Architekturströmungen des" Wir sind wieder wer" der verschiedenen Aufschwung- und Wirtschaftswunderphasen, wobei auch Traditionen des sog. landschaftsgebundener Bauens immer noch parallel weiter bestehen.“

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Christoph Mohr: Überlegungen zum Denkmalbegriff der Nachkriegsarchitektur. In: Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz (Hrsg.): Architektur und Städtebau der Fünfziger Jahre. Bonn (1988), S. 16

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