Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Das Zeltdach des Münchener Olympiastadions

Monika Meyer-Künzel, 2001

 

Städtebauliches Konzept
"Das städtebauliche Konzept entwickelte sich aus der Überlagerung der künstlichen voralpinen Landschaft mit den eingebundenen Sportstätten und des darüber schwebenden Zeltdaches. Ausgehend vom vorhandenen Schuttberg wurde die Erdmodellierung nach Norden hin weitergeführt und der Nymphenburger Kanal zu einem See aufgestaut. Die künstlichen Hügelketten gliederten das Oberwiesenfeld in drei Zonen. Im Norden lagen die Hochschulsportanlage und das Olympische Dorf in zwei Senken zwischen Erdwällen, auf denen Spazierwege liefen. Die Topographie verzahnte sich mit den Bebauungsstrukturen und drang mit dem Grün weit in die Wohnbereiche hinein. Im zentralen Bereich am See dominierten die großen Sportbauten und das Dach. Die Sportstätten bestanden aus Geländemulden, die nach außen durch Tribünenkonstruktionen ergänzt wurden. Im südlichen Teil des Geländes wurden die Geländeformen an den Schuttberg angepasst. "Das alle zusammenfassende Grüngerüst erlaubt die Planung von Einzelgebieten mit relativ starkem und unterschiedlichem Eigencharakter, ohne dass der Zusammenhalt des gesamten Gebietes verloren geht. Der Nymphenburger Kanal, der zum See aufgestaut wurde, schafft durch Anpflanzung von Ufer begleitenden Alleen aus Linden die erwünschte überörtliche Grünverbindung“ (Erläuterung Behnisch + Ptn.).

Die Überdachung spannte sich als kontinuierliche Struktur über das Stadion, die Sporthalle, Schwimmhalle und griff über den Mittleren Ring hinweg in die Vorbereiche der ZHS (Zentrale Hochschulsportanlage; Anm. d. Verf.). Am Ufer des Sees entstand der zentrale Platz, der sich zum Wasser mit der Freilichtbühne abstufte und Raum für verschiedene Aktivitäten bot.

Das Zeltdach
Die Gebäude und Sportanlagen waren keine Einzelbauwerke, sondern bildeten einen größeren landschaftlichen Zusammenhang, der unter dem Zeltdach zusammen gefasst wurde. Das Dach sollte nur eine Struktur sein, die die Zuschauer vor Umwelteinflüssen schützte. Für das ausführende Büro verband sich mit der Konstruktion des Zeltes die Assoziation Zirkus als Sinnbild für unernste und musische Spiele.

Im Wettbewerbsentwurf wurde ein echtes Zelt vorgeschlagen. Wie in Montreal 1967 sollte das Dach aus einem Polyestergewebe bestehen und nach den Spielen demontiert werden, um dann durch eine feste Tribünenüberdachung ersetzt zu werden. Bereits in der Entscheidung des Preisgerichts kamen Zweifel an einem leichten Dach als Provisorium auf: " ... die große Problematik des Entwurfes (lag) in der Zeltdachkonstruktion. Wenn auch das Preisgericht auf dem Standpunkt steht, dass jede gebaute Form zu einem bestimmten Zeitpunkt dank bestimmter technischer, konstruktiver und materialmäßiger Möglichkeiten eine erstmalige Verwendung gefunden und ihre weitere Anwendung damit als legale Fortsetzung einer bestimmten Entwicklung zu gelten hat, so ist es fraglich, ob bei diesen Dimensionen das Vorbild der Montrealer Zeltkonstruktion für ein Dach dieses Ausmaßes als Dauerbauwerk ausgeführt werden kann." Zwar war gerade die ungewöhnliche und spektakuläre Form des Daches bei der Preisvergabe entscheiden gewesen, jedoch konnte die Jury keine reale Chance sehen, diese Konstruktion dauerhaft auszuführen. "Das Preisgericht empfiehlt der Ausloberin, den mit dem ersten Preis ausgezeichneten Entwurf für die weitere Bearbeitung zu verwenden. Das Preisgericht ist der Auffassung, dass anstelle der Zeltdachkonstruktionen andere Dachkonstruktionen im gegebenen Fall verwendet werden können, ohne dass die für die Urteilsfindung maßgebenden Qualitäten dieser Arbeit verloren gehen."

Zunächst kam das temporäre Dach aus Textilgewebe den Wünschen der Landeshauptstadt und Olympiagesellschaft entgegen. Es war Aufsehen erregend, preisgünstig herzustellen und mit seiner moderne Konstruktion ein gutes Aushängeschild für die deutsche Industrie. Aber die Staatsregierung wünschte eine architektonisch imagebildende und vor allem dauerhafte Lösung. Sie forderte erneute Untersuchungen und andere Konstruktionen, die die aufgestellten Kriterien schnelle, sichere und witterungsunabhängige Montage, Beständigkeit gegenüber physikalischen und chemischen Einflüssen, Feuersicherheit sowie fernsehengerechte Farbechtheit und Verschattung erfüllten.

Die Konstrukteure aus dem Büro Frei Otto (Stuttgart) schlugen ein vorgespanntes Seilnetz mit eine darüber liegenden Eindeckung aus Acrylglas vor. An verspannten Masten und Seilen wurden 78.000 qm Dachhaut aus einzelnen Acrylglasplatten als Wetterhaut aufgehängt. In den Innenräumen der Hallen sollte eine unterhalb der Acrylplatten angebrachte dämmende, aber lichtdurchlässige Decke zusätzlich isolieren. Mit dieser aufwendigen, bis dahin noch nicht erprobten Konstruktion wurde aus der Idee des "Schirmes" oder "Zeltes" eines der spektakulärsten technischen Gebilde der neueren Architektur- und Konstruktionsgeschichte. Mit diesen Änderungen im Konzept vervielfachten sich die Kosten: Betrugen die geschätzten Ausgaben für das Polyesterdach 17 Mio DM, so steigerten sie sich für das Acryldach auf 115 Mio. DM.

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Monika Meyer-Künzel: Der planbare Nutzen. Dölling und Galitz Hamburg München 2001, S. 418 ff

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