Architekten- und Stadtplankammer Hessen

Architektur macht Schule

Auseinandersetzungen über den Weiterbau des Kölner Doms

Georg Dehio, 1930

 

„Der ausgebreiteten Fülle und inneren Mannigfaltigkeit des romanischen Bauschaffens am Niederrhein kam die Leistung der Gotik nicht gleich. Sie wurde beherrscht fast allein von einem einzigen Bauwerk, das freilich die großartigste Unternehmung - der Absicht nach - des deutschen Mittelalters war: vom Kölner Dom. Im Umriss kennt jeder gebildete Deutsche seine Geschichte: in stolzem Kraftbewusstsein begonnen, bald ermattet, in Versandung endend, ist sie oft genug ein Sinnbild der deutschen Reichsgeschichte genannt worden; am Anfang des 19.Jahrhunderts war sein Torso der ästhetische Wallfahrts- und Gnadenort der Romantik, in den vierziger Jahren wurde die Wiederaufnahme des Baus mit den deutschen Einheitsbestrebungen ideologisch verflochten; der erste Kaiser des wiedererstandenen Reichs weihte den vollendeten ein. Für uns heute ist er allein ein künstlerisches und historisches Objekt. (...) Wie in Straßburg, so auch in Köln begleiteten den Dombau schwere Streitigkeiten zwischen dem Erzstift und der Bürgerschaft; wie dort, wurde der Erzbischof von den Bürgern in blutiger Schlacht (bei Worringen 1288) aufs Haupt geschlagen, und wie dort fiel die Baulast wesentlich der Bürgerschaft zu, wenn auch nicht mit so weitgehender, rechtsförmlicher Beschränkung der geistlichen Hand. Es müssen unerschütterliche Männer an der Spitze der Bauverwaltung gewesen sein, die dennoch den Fortgang sicherten. 1322, nach 74 Baujahren (...), stand der Chor fertig, er allein freilich schon größer in seinem kubischen Inhalt als der ganze alte Dom. Er wurde gegen Westen durch eine Scheidemauer abgeschlossen - provisorisch, wie man meinte, aber es wurde ein Dauerzustand von mehr als 500 Jahren daraus. (...) Die Herstellungs- und Vollendungsarbeiten im 19. Jahrhundert (1842-1880) konnten sich auf den 1814 gefundenen Originalriss zur Fassade stützen, aber zu wahrem Leben die alte Kunst erwecken konnten sie nicht. Lasset die Toten ihre Toten begraben.“

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Georg Dehio: Geschichte der deutschen Kunst. Des Textes zweiter Band. Walter de Gruyter Berlin und Leipzig 1930, S. 40 f

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